LIFT e.V.

Visit Us On FacebookVisit Us On Twitter

Kommentar zum Friedensnobelpreis

Ein Kommentar von LIFT Gründerin Dr. Gabriele Venzky

Friedensnobelpreis gegen die Kultur der Ungleichheit

Den diesjährigen Friedensnobelpreis haben zwei Menschen bekommen, die für die Ziele kämpfen, für die sich auch LIFT e.V. in seinen indischen Projekten  einsetzt: für Kinderrechte und die Bildung vor allem von Mädchen, weil sie die Multiplikatoren des Fortschritts sind. So ist die Verleihung des Preises an eine pakistanische Muslima und einen  indischen Hindu ein Ausrufezeichen.  Gerichtet ist es an die Rückwärtsgewandten in der islamischen Welt und ihre salafistischen Terrorkommandos, ob sie nun Taliban, al Qaida, Boko Haram oder Islamischer Staat heißen. Sie  alle fürchten schließlich nichts mehr als ein Mädchen, das lesen und schreiben kann.  Gedacht ist der Preis aber auch als Appell an Staaten wie das Indien der Hindu-Chauvinisten, die unter Narendra Modi zwar als „größte Zivilisation der Welt“ Supermachtstatus einfordern,  aber nichts dabei finden, dass nirgendwo auf der Welt so viele Kinder arbeiten müssen, wie in ihrem Land. Doch nicht nur das. Ihre Ideologen verlangen: Frauen gehören in die Küche und ihre Aufgabe ist es, Söhne zu gebären. Mehr nicht. Der diesjährige Friedensnobelpreis ist also ein Preis für alle diejenigen, die gegen die Kultur der Ungleichheit kämpfen.

Malala schossen die Taliban in den Kopf, weil männliche Fanatiker offenbar panische Angst haben vor selbstbewussten Frauen, die über Bildung und Wissen verfügen. In Nigeria  entführte Boko Haram  hunderte von Schulmädchen und verkaufte sie in die Sklaverei, um Eltern davon abzuhalten , ihre Kinder weiter in die Schule zu schicken.  Im Irak richteten IS-Terroristen  Frauen öffentlich hin,  weil diese Frauengelernt hatten, was  zivilisatorische Normen sind. Vielen tausend anderen zeigten sie, welchen Wert Frauen in ihren Augen haben: sie verkauften sie wie das Vieh. „Bildung und Wissen sind die besten Waffen gegen Intoleranz, Gewalt und Armut“, sagen Malala und der indische Preisträger Kailash Satyarthi. Das macht sie gefährlich für alle, die mit Gewalt überkommene patriarchalische Strukturen  erhalten wollen.

In Indien gibt es etwa 60 Millionen Kinderarbeiter,  weit mehr als doppelt so viele wie in Schwarzafrika. Viele von ihnen verrichten Sklavenarbeit ihr Leben lang, weil ihre Eltern Kredite dem Geldverleiher nicht zurückzahlen können. Sie schuften auf Feldern, sie schleifen Diamanten, reißen mit bloßen Händen kochend heiße Ziegel aus dem Brennhaufen, sticheln in dunklen Kellern Textilien für den Export, kriechen durch Bergwerke,  basteln unter Lebensgefahr Feuerwerkskörper zusammen oder schieben 24-Stunden-Schichten in privaten Haushalten. Da bleibt keine Zeit für die Schule. Zehn Millionen minderjährige Mädchen sind von ihren Eltern in den letzten beiden Jahren in die Prostitution verkauft worden. Indien ist der größte Sklavenmarkt für kleine Mädchen. Mehr als ein Viertel aller Mädchen werden im Alter zwischen zehn und fünfzehn Jahren verheiratet, ein Drittel aller Kinderbräute auf der Welt leben in Indien. Jede dritte Frau in Indien kann nicht lesen und schreiben. Das sind Verhältnisse, die schlimmer sind als in Bangladesch und fast so schlimm wie im muslimischen Pakistan.

Kailash Satyarthi ist ein sanfter Mensch. Aber eisenhart  ist er seit Jahrzehnten in der Sache: Kinder vor Ausbeutung  zu schützen, Kindern zu ihrem Recht auf Bildung zu verhelfen. Seine Kindermärsche durch Indien, einer ging sogar um die ganze Welt, haben so manches schlechte Gewissen geweckt. Doch wie immer in Indien, alles dauert unendlich lange, vor allem dann, wenn es um die Benachteiligten in der Gesellschaft geht, diejenigen, die ganz unten sind. Dabei gibt es in Indien schon – oder erst? – seit 2009 ein Gesetz, das ein Recht auf kostenlose Schulbildung und Schulpflicht für alle sechs-bis 14-Jährigen vorschreibt. Aber weder kostet die Schule nichts, noch gehen alle Kinder in die Schule. Vor allem nicht die Mädchen, die in der Mehrzahl kaum das 5. Schuljahr erreichen. Wozu denn auch, sagen ihre Eltern, sie heiraten ja doch bald.

Dabei hat Schulbildung für Mädchen noch größere Auswirkungen auf eine Gesellschaft, als die von Jungen. Denn gebildete Mädchen, das Zauberwort der Entwicklungspolitik heißt „empowerment“, sind diejenigen, die am erfolgreichsten Gesellschaften verändern können. In Ländern, wo Mädchen nur die Grundschule beendet haben, ist die Armut um ein Drittel zurückgegangen. Mädchen mit Schulbildung haben auch weniger Kinder. Das ist wichtig, wenn es darum geht,  langfristig  die Zahl ungebildeter, arbeitsloser, frustrierter junger Männer zu verringern, die nur noch einen Lebenszweck sehen: den gewalttätigen Extremismus. Mit anderen Worten: gebildete Mädchen und Frauen schaffen stabilere Gesellschaften. Sie sind die beste und  billigste Waffe gegen die sich so rasant ausbreitende Kultur der Gewalt.

Pakistans Präsident nennt Malala scheinheilig den Stolz Pakistans. Dabei ist er selbst  in großem Maße verantwortlich dafür, dass es in seinem Land noch weniger Bildungschancen für Kinder und vor allem kaum welche für Mädchen gibt, als in Indien. Die meisten Eltern schicken ihre Jungen in die Koranschulen, die ihnen die wahabitischen Saudis zu zehntausenden überall hingebaut haben. Denn da gibt es umsonst zu essen, allerdings auch wenig zu lernen, außer dem Fanatismus. Diese Koranschulen sind die Brutstätten der Taliban, die weite Landstriche Pakistans infiltriert haben und sich auf eine neue Übernahme der Macht in Afghanistan vorbereiten.

Auch in Indien wird der Nobelpreisträger vom Regierungschef gelobt, auch dort mit einer gewissen Scheinheiligkeit. Denn Narendra Modi hat sich vorgenommen, alles für den Wirtschaftsaufschwung  zu tun. Von funktionierenden Schulen für alle Kinder, auch die versklavten, war freilich weniger die Rede. Die bequeme Ausrede: es fehlt an Geld. Dabei haben Pakistan und Indien seit einem halben Jahrhundert unter Einsatz von Milliarden gegeneinander aufgerüstet. Malala und Kailash hoffen nun mit dem Nobelpreis im Rücken diesem Wahnsinn ein Ende machen zu können. Zusammen wollen sie dem Zankapfel Kaschmir, wo in diesen Tagen wieder gestorben wird, ein wenig Frieden bringen.